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Sonntag, 19. November 2017

Spiess und die Tachsenhauserin

Eine Hinrichtung von Hexen, 1587. Die Illustration stammt aus der Wickiana, einer
Sammlung gruseliger Flugschriften; die Sammlung geht zurück
auf den Zürcher Pfarrer Johann Jakob Wick. (Bild: Wikicommons)
Um die 10 000 Hexenprozesse wurden auf dem Gebiet der heutigen Schweiz vom 15. bis 18. Jahrhundert abgehalten, gut die Hälfte davon endete mit einem Todesurteil. Eine der Frauen, die vor den Richter mussten, weil man sie des Verkehrs mit dem Teufel verdächtigte, hiess Ursula Tachsenhauserin; sie lebte in Ossingen und wurde im Hochsommer des Jahres 1574 in Zürich verbrannt. Am Freitagabend war ich an einer Veranstaltung in der Helferei beim Grossmünster Zürich; dort schilderte Kurt Spiess das Leben der vermeintlichen Hexe, die in Wahrheit schlicht eine Frau ohne mächtige Verwandtschaft und Fürsprecher gewesen war, ein Opfer dörflicher Ängste und Verleumdungen in einer Zeit der desaströsen Ernteausfälle. Ein Sündenbock. Spiess wäre das zweite Thema in diesem Blog: Er ist Osteuropa-Historiker, wurde dann Berufsschullehrer, dann Inspektor im Berufsbildungsamt, dann Freiberufler mit einer Psychodrama-Ausbildung, dann Professor für Change Management an der Hochschule Chur. Und dann liess er sich mit 60 frühpensionieren und absolvierte eine Ausbildung als Storyteller an der Universität der Künste in Berlin. Uff. Ich fand den Mann eher mässig gut. Aber die Biografie der armen Ursula Tachsenhauserin ist es wert, erinnert zu werden - in der Sache machte sich Spiess verdient. Im Urteilsspruch heisst es:
"... dass sie dem Nachrichter (Scharfrichter) befohlen werden soll. Der solle ihr ihre Hände binden und sie hinaus zu der Sihl auf das Grien (Kies) führen, daselbst auf eine Hurd setzen und an eine Stud heften und also auf der Hurd an der Stud verbrennen, inmassen, ihr Fleisch und Bein zu Asche werden und sie damit dem Rechten gebüsst haben soll."
P.S. Morgen will ich hier von unserer Samstagswanderung schwärmen. Sie strotzte vor Nagelfluh und guter Laune.

Samstag, 18. November 2017

Das sibirische Halbjahr

"Ich hatte mir vorgenommen, vor meinem vierzigsten Lebensjahr als Eremit in den Wäldern zu leben. Ich zog für sechs Monate in eine sibirische Hütte am Ufer des Baikalsees, an der Spitze des Nördlichen Zedernkaps. Das nächste Dorf 120 Kilometer entfernt, keine Nachbarn, keine Zugangsstrassen, gelegentlich ein Besuch. Im Winter Temperaturen um die minus 30 Grad, im Sommer Bären an den Ufern. Kurz, das Paradies."

Sylvain Tesson, Franzose, ist Geograf und Schriftsteller. Ein Abenteurer, aber auch ein Denker. Eben las ich das Buch, das von seinen sechs Monaten am Baikalsee handelt. Es erzählt von Wodka-Exzessen mit russischen Meteorologen, von der Einsamkeit und den Möglichkeiten, die sie eröffnet, von der Hütte und vom Wald und den nahen Bergen, die Tesson erklimmt; es ist gleichzeitig eine spannende Chronik und ein philosophisches Tagebuch - der Mix hat mich Seite für Seite begeistert.

Was mich einzig leicht irritiert: Auf Youtube kann man sich einen Film anschauen, der Tesson am Baikalsee zeigt. Im Buch ist nicht davon die Rede, dass es diesen Film gibt und wie er zustandekam. Aber toll ist er. Etwas fürs Wochenende.

Freitag, 17. November 2017

Meine Art-Brut-Reise

Ihn besuchte ich: Benno Kaiser in seinem Haus in Südfrankreich.
Mitte Oktober weilte ich reportagehalber in Südfrankreich. Ich bloggte von dort auch, verschwieg aber, warum genau ich nach Villeneuve-les-Béziers gereist war. Hier nun die Auflösung: Ich besuchte den 76-jährigen Art-Brut-Künstler Benno Kaiser, einen St. Galler, der in einem früheren Leben Denner-Werbechef war und vor vielen Jahren ins Languedoc ausgewandert ist. Wer sich für den Mann und seine wilden Werke interessiert - die "Schweizer Familie" mit dem mehrseitigen Artikel kann man ab heute lesen. Ah ja, ein Buch über Benno gibt es neuerdings auch.

Die neue SF enthält übrigens zwei weitere Artikel von mir: zum einen ein Porträt von Marlies Mörgeli, die in Läufelfingen einen Tierfriedhof betreibt. Und zum anderen eine Wanderkolumne, die im Val de Travers spielt.

Donnerstag, 16. November 2017

Pôle muséal

So wird der Platz nördlich am Bahnhof Lausanne in drei Jahren aussehen.
(Bild: Projektskizze Pôle muséal/ Estudio Barozzi & Veiga, Barcelona)
Fährt man von Genf her in den Bahnhof Lausanne ein, passiert man eine Industriebrache. Auf ihr geschieht nicht viel, die SBB warten alte Waggons, das immerhin. Ab 2020 soll sich die Ankunft ganz anders gestalten: Die Lokremise von 1911 wird verschwunden sein; stattdessen werden zwei Neubauten dastehen mit drei Museen darin, die von ihren bisherigen Standorten umziehen wollen: das Musée Cantonal des Beaux-Arts, das Fotomuseum Elysée und das  Designmuseum Mudac. Das neue Museumsquartier auf 22 000 Quadratmetern dürfte Lausannes ein wenig öde Bahnhof-Umgebung deutlich aufwerten. 180 Millionen Franken kostet das Projekt, auf Französisch heisst die Anlage "Pôle muséal".

Mittwoch, 15. November 2017

Bere-Romm-Flade

Die Toggenburger nennen ihn Schlorzifladen, wir Appenzeller aber Bereflade oder auch Bere-Romm-Flade. Göttlich ist er jedenfalls. Am Exemplar, das mir kürzlich im Rössli in Hundwil vorgesetzt wurde, liebte ich auch die Dekoration - schön, oder?

P.S. "Bere" gleich Birne, "Romm" gleich Rahm.

Dienstag, 14. November 2017

Der schrecklich liebe Hirtenhund

Die Cadlimohütte liegt hoch über Airolo im Ritomgebiet auf 2570 Metern über Meer. Toni Kaiser, Chefredaktor von "Schweiz Das Wandermagazin", verbrachte in ihr einen Sommer, ein Zuckerschlecken war das nicht, denn er war Teil des Teams, arbeitete also kräftig mit. Aber fotografiert hat er auch - daraus ist ein schönes Fotoheft entstanden. Es zeigt Andy beim WC-Putzen,  Dania beim Betten, Jana beim Zubereiten des Salats, Alma im Vorratskeller. Und auch Terribile ist zu sehen, der Hirtenhund vom nahen Val Canaria, dessen Schäfer sagt, Terribile sei eigentlich zu lieb für seinen Job. Schrecklich lieb sei er. Daher ja auch der schalkhaft gemeinte Name Terribile.

Montag, 13. November 2017

Sonnenblumenkerneparabel

Der Saal mit den Sonnenblumenkernen. Sie sind ...
... aus Porzellan.
Am Samstag besichtigten wir Lausanne. Und wir besuchten die Ai-Weiwei-Ausstellung. Das war eine Art Schnitzeljagd, man durchstreift das gewaltige Palais de Rumine und dessen Museen von Zoologie über Archäologie bis Geologie sowie natürlich Kunst und sichtet immer wieder mal irgendwo zwischen den guten alten Exponaten (Kalb mit zwei Köpfen, Säbelzahntiger-Skelett, Asbestbrocken, ausgestopfter Igel) ein verschmitzt eingefügtes Objekt von Ai Weiwei, zum Beispiel ein Sextoy zwischen den menschlichen Föten in Formaldehyd. Zwei grössere Installationen des Künstlers einzig durchbrechen das Konzept, indem sie allein für sich stehen. Hier im Bild die Installation "Sonnenblumenkerne". Sie war schon in London zu sehen; dort waren es 100 Millionen Kerne, hier in Lausanne immerhin 10 Millionen. Und zwar keine natürlichen, sondern von chinesischen Handwerkern der alten kasierlichen Manufakturen in Jingdezhen von Hand bemalte Imitate aus Porzellan. Gewaltig - ich glaube, auf so etwas kann nur ein Chinese kommen. Und was soll das? Nun, man könnte angesichts der Menge der Kerne auf das Verhältnis des Einzelnen zur Masse kommen: Kann er seine Individualität gegenüber dem Kollektiv behaupten; sie scheint fragil und lächerlich. Das Thema passt zu Ai Weiwei, der sich bekanntlich mit dem Regime angelegt hat und auch schon im Gefängnis landete. Die Reise nach Lausanne lohnt sich! Bis 28. Januar ist die Ausstellung offen.
Das Atrium des Palais de Rumine mit dem Konterfei von Ai Weiwei.